Donnerstag, 02.07.2009
Zu Guttenberg - der Kanzler nach Merkel
Von Johannes Seibel
Der Autor ist Chef vom Dienst der deutschsprachigen katholischen Tageszeitung "Die Tagespost"
Das hätte sich Horst Seehofer (CSU) nicht träumen lassen: Dass er da einen Neuling in der Politik aus dem Hut zaubert, und der, statt sich dafür auf alle Zeiten ehrerbietig zu erweisen, ansetzt, der Liebling aller und dabei auch noch aufmüpfig zu werden - was ja eigentlich die Rolle sein sollte, die Seehofer für sich reserviert hatte.
Dass da dieser Freiherr zu Guttenberg (CSU), die Entdeckung Seehofers, in Berlin als Wirtschaftsminister seinen Job gut macht, und als ein Ordnungspolitik reüssiert, der dafür jedoch wider Seehofers Erwarten nicht von der Bevölkerung abgestraft wird, wo doch jeder das Ende des Neoliberalismus ausgerufen hatte - dieses bringt den bayerischen Ministerpräsidenten ins Schlinger. Zu Guttenberg wird ihm gefährlich, also muss Seehofer ihn abgrätschen. Gerade nach der eloquenten Widerborstigkeit, die der Wirtschaftsminister gezeigt hatte, als es Seehofer darum ging, den Retter des Fürther Versandhandels "Quelle" zu geben. Nur - zu Guttenberg lässt sich nicht so einfach umgrätschen, er ist ein Techniker der Macht, den auch ein rustikaler Vorstopper wie Seehofer nicht zu Fall bringt. Und genau dieses, dass er die Attacke seines Lehrmeisters überstanden hat, ist ein Fingerzeig, in welche Richtung zu Guttenberg sich bewegt: Er wird nach einer vermutlichen zweiten Kanzlerschaft Merkel vielleicht schon 2014 der nächste Bundeskanzler der Union werden. Er ist unverbraucht. Ihn verbindet nichts oder wenig mit den Kämpfen innerhalb der Union nach dem Ende der Ära Helmut Kohl. Er steht für eine neue Zeit der Union. In ihm ist mehr 21. Jahrhundert angereichert als in den üblichen Verdächtigen Unionsnachfolger für Merkel wie Christian Wulff, Roland Koch oder Peter Müller. Er ist ein Seiteneinsteiger in die Politik, der auch ohne Parteipolitik sein Auskommen findet und Karriere machen und insofern unabhängig von parteipolitischen Drohungen agieren kann. Er ist von Seiten seines Großvaters, der in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer der wichtigsten Strippenzieher in der Politik der Bundesrepublik und der Union gewesen war, mit dem politischen Virus infiziert. Seine Frau ist eine Nachfahrin. Er beherrscht die Gesten und Gesetze der Medien, auch wenn ihm manche Geste wie in New York noch danebengerät. Und er hat einen politischen Kompass, den er nicht ständig neu ausrichten muss. Er ist gleichsam ein Ordnungspolitiker mit menschlichem Antlitz, der in unserer postmaterialistischen Zeit auch nicht mehr den Eindruck ideologischer Engstirnigkeit vermittelt. Er ist klar, polarisiert aber nicht. Er ist der kommende Mann, wenn die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht mehr will.
von seibel um # 17:00 in Politik | TrackBack (0) | Artikel versenden